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Raz Ohara   (Get Physical/ Shitkatapult)


04.03.2008

Interview RAZ OHARA bei www.Spiegel.de

"Minimal scheißegal!"

Von Christoph Cadenbach

So gefühlvoll, so poppig - und so gut. Der Berliner Raz Ohara hat ein Album vorgelegt, mit dem die elektronische Musik endgültig erwachsen wird - denn mit ihm ist der Künstler im Techno angekommen.

Raz Ohara hat Angst. Vor dem Schmerz des Abschiedes, dieser ewig suppenden Wunde, diesem nicht wegwaschbaren Fleck, wie er singt. Und ein bisschen fürchtet er sich dieser Tage wohl auch davor, dass ihm das jetzt zu viel werden könnte, mit all der Aufmerksamkeit und der Presse und dem Rede-und-Antwort-Stehen. Schließlich hat Raz Ohara das Songwriter-Kunststück des Winters vollbracht. Ein namenloses Album, das die Melancholie der dunklen Monate genießbar macht und Indie-Softies genau so begeistern dürfte wie Techno-Romantiker.

Vor sieben Jahren hat Raz Ohara der Musikwelt schon mal so ein Album geschenkt, nicht ganz so facettenreich, weil ihm kein Elektro-Avantgardist wie Oliver Doerell bei der Produktion zur Seite stand. Sein damaliges Label Kitty-Yo wollte ihn als neuen Beck aufbauen, doch Raz zog sich zurück, ging erst mal Feiern und verschwand in den Untiefen der Berliner Partyszene. Fast wäre er dort ersoffen, doch der Technoproduzent und DJ Alexander Kowalski holte ihn als Gastsänger an Bord.

2007 sang Raz dann auf Apparats Album "Wall" und läutete damit ein, was er nun beendet hat. Techno hat dem Pop endgültig die Tür aufgeschlagen. Bei Raz Ohara übertünchen Gitarre, Streicher und seine dahin geatmete Stimme fast jeden Laptop-Sound. Es fällt nach gängiger Kategorisierung schwer, ein Album wie dieses und den Künstler dahinter überhaupt dem Techno zuzurechnen; wären da nicht Raz basslastige Club-Auftritte, wenn er etwa keine Saiten zupft sondern an den Reglern schraubt. Und wären da nicht eine ganze Reihe anderer namhafter Technoproduzenten wie Chloé, Joakim oder Supermayer, die sich im vergangenen Jahr als Liedermacher und Instrumentalisten geoutet haben. Vom geraden, endlosen Bass zum echten Song mit Stimme: Das Künstleralbum ist im Techno angekommen.

Matthew Dears aktuelles Album "Asa Breed" zum Beispiel, ein extrem abwechslungsreiches Album zwischen Tanzfläche und Sofa. Dear ist ausgerechnet in Detroit zu Hause, der Geburtsstadt des Techno, wo elektronische Musik immer am kältesten und unmenschlichsten klang. Auf "Asa Breed" kommt dieser Basskünstler auf einmal mit gebrochenen Rhythmen und Akustikgitarren-Coolness daher. Einige Lieder erinnern gar an die Folk-Ausflüge des House-of-Pain-Rappers Everlast.

"Techno ist erwachsen geworden", sagt Michael Mayer, einer der Chefs beim erfolgreichsten deutschen Elektro-Label Kompakt. Über die Jahre hätten sich die Künstler ein musikalisches Rüstzeug zugelegt, das sie jetzt nutzten. Und dann fügt er fast kämpferisch an: "Techno muss sich am Popdiskurs beteiligen." Auch wenn es Kritik von Puristen aus den eigenen Reihen gebe. Und das Album als Transportmedium ist für Popambitionen nun einmal besser geeignet als die Single. "Es hat ein anderes kulturelles Gewicht. Es geht darum, den Hörer mitzunehmen." Mayer hat zusammen mit Labelkumpel Superpitcher gerade so ein Album vorgelegt.

"Save the World" heißt es und nicht nur die Tracks, auch das comichafte Superhelden-Coverdesign versucht eine Geschichte zu erzählen - ein Konzeptalbum in Zeiten des Einzel-Track-Downloads. Die Titel sind für Technoproduktionen geradezu orchestral: Funkiger Bass, Gitarre, Bläser, Glocken und Glöckchen. Das Album versprüht dabei eine Disko-Leichtigkeit, dass man sich wünscht, in der Panorama-Bar würden für immer die Jalousien aufgehen. Das tun sie nämlich immer, wenn es morgens in der Dachstube des Berliner Electro-Clubs Berghain richtig abgeht. Allerdings nur für einen Moment, dann wird die Sonne wieder ausgesperrt und die Tanzenden kehren zurück in die After-Hour-Dunkelheit.

Mann der Chimäre

Und wenn sie dann, am Sonntagnachmittag, ausgezerrt und kopfsensibel nach Hause schleichen, ist Raz-Ohara-Zeit. Vielleicht ist ein anderer Berliner Club, die Bar 25, die beste Metapher, diesen Mann Anfang 30 zu beschreiben. Auf der einen Seite schirmt ein Bretterzaun die Open-Air-Location gegen die betonierte Wirklichkeit von Berlin Mitte ab, auf der anderen Seite fließt die Spree unendlich wie die Zeit. Die Bar 25 ist von Samstags früh bis Montags spät der letzte Stützpunkt der Gegen-Realität.

Und sie ist Raz Oharas zweites Zuhause. Der Moment, in dem alles zu fließen beginnt, ist sein Moment. Wenn man nicht mehr sagen kann, ob eine Song-Idee im eigenen Kopf entstand oder wie ein Schatten über der Tanzfläche spukte. Und so wie Raz Ohara bei Auftritten mit seiner Verschrobenheit kokettiert, ist auch die Bar 25 ein Ort der Eitelkeiten - und der Chimäre.

Über Raz Oharas Jugend gibt es eine traurigschöne Geschichte: Als Kind sei er auf einem Containerschiff über die Weltmeere geschippert. Sein Vater war der Kapitän, und Raz, der Bub, lernte auf Deck das Gitarrespielen. Irgendwann sei das Schiff samt Vater im Atlantischen Ozean versunken - so heißt es jedenfalls. Und siehe da, die Angst vor dem Verlassenwerden bekommt plötzlich einen Grund. Genau wie die Melancholie und Gefühligkeit, die 2007 als Leitmotive durch so viele Techno-Alben waberten.

Ende des Minimalismus?

Die Französin Chloé brachte im September ihren ersten Longplayer heraus. "The Waiting Room" ist ein wunderschön durchkomponiertes Album, das mit seinen gedeckten Klangfarben wie ein Herbstspaziergang nach einem durchfeierten Wochenende klingt. Ihr DJ-Freund Joakim zeigte mit "Monsters & Silly Songs", wie Clubmusik und Live-Band zusammengehen. Und die Gebrüder Teichmann lassen auf ihrem Erstling "The Number Of The Beat" gleich die passende Zeile zum Trend reimen: "Minimal scheißegal!", heißt es da keck. Ist dies nun das tatsächliche Ende des längst für tot erklärten Minimal-Hype?

Zumindest ist es die Ankunft des erwachsenen Künstlers im Techno. "Es gab den Mut, zu etwas Schönem 'Ja!' zu sagen", raunt Raz Ohara. Die Alben funktionieren wie ein Initiationsritual. Der gesichtslose DJ tritt plötzlich hinter seinen Plattenspielern hervor und erhebt die Stimme. Nicht so dummdreist wie der Gute-Laune-Papst Sven Väth, sondern vorsichtig, bedacht und gefühlvoll.

Raz Ohara sagt dennoch, er möge die Bühne nicht. Das Rampenlicht bereite ihm Unbehagen. Aber vielleicht ist auch das nur ein Trugbild.